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25.04.2009 Kategorie: Predigten

Wandrer kehr zur kurzen Rast ein als Deines Gottes Gast

Predigt Landesbischof Weber zur Eröffnung der Radwegekirche

(Von Landesbischof Prof. Dr. Friedrich Weber) Liebe Gemeinde, mit Graf Burchard, der Anfang des 12. Jahrhunderts Einsiedlern Land schenkt, fängt die Geschichte an. Eine Michaelskirche soll es gegeben haben und dann einige Jahre später - immerhin vor mehr als 850 Jahren - stiftet Äbtissin Beatrix II. von Quedlinburg das Zisterzienser-Kloster. Seit Mitte des 12. Jahrhunderts befindet es sich nun an diesem Ort. Ein Hospital entsteht, fast 150 Chormönche und Laien leben hier am Ort der Kontemplation, in dieser Stille und natürlichen Schönheit. Sie kultivieren Land, sie legen Wege an, Teiche entstehen und Besucher kommen, Menschen auf dem Weg, Erschöpfte und Notleidende, Wohlsituierte und Gottsuchende. Viele sehen die Schönheit dieser Anlage, finden in ihrem stillen Gebet zu dem Gott, der hilft, der Menschen vom Verderben erlöst, der wieder frei atmen lässt, ihnen neue Freude am Leben schenkt. Sie danken Gott danken für Gesundheit, für Wohlergehen, den Ehepartner, für Frieden und erfahrene Gerechtigkeit, fürs Wetter und für die Kinder. Viele sind es gewesen, die dem Chorgesang der Mönche zugehört haben und in die Gesänge einstimmten, meist in der Sprache der Kirche, in Latein,
Gestärkt sind sie dann weitergezogen, ausgeruht, mit ein wenig Abstand zu der Sorge, die sie mitgebracht hatten, mit klarerem Blick für all das, was ihnen geschenkt war in ihrem Leben, dankbar eben und im Herz gestärkt und entlastet.
Gewiß, es kamen auch andere: 1525 im Bauernkrieg - sie zerstörten die Kirche. Acht Jahre später die nächsten ungebetenen Gäste: Plünderer und Diebe, Brandstifter.
Da wurden noch einmal andere Gebete zum Himmel geschickt: Herr erbarme Dich, erbarme Dich unser und unserer Kirche.
Und dann die neuerliche Wende: 1544 wird das Kloster evangelisch. Der Konvent existiert weiter und er wendet sich der Bildung zu, eine Lateinschule entsteht, fast 85 Jahre bleibt sie erhalten. Jugend zu Gast, ihr Leben in den Horizont des Gottes stellend, der das Leben und die Freiheit liebt. Ob sie davon damals schon genug erfahren haben? Oder galt das, was auch in unseren Kirchtümern heute immer noch einmal durchschimmert: „Wir haben ein Gesetz!" Übrigens ein Wort, dass in den Prozess gegen Jesus gehört: „Wir haben ein Gesetz und das erlaubt es nicht, sich abweichend zu verhalten, das will Sicherheit Klarheit, Berechenbarkeit." Ist es deswegen so wichtig, weil wir selbst so unsicher sind?
Und dann geht es hin und her - der 30-jährige Krieg, Schrecknis der Schrecken: Morden, Brennen, Vergewaltigen, Seuchen, Plündern, dreimal lösen sie sich ab - die katholischen Truppen und dann wieder die evangelischen. Wirrnis der Konfessionen, Ineinander von Religion und Gewalt, am Ende bleiben entvölkerte Landstriche, Wüstungen, zerstörte Kulturgüter, erschöpfte Menschen und in Michaelstein das Kloster mit seiner Schule. Später kommt ein Predigerseminar dazu und jetzt erst wird die kleine Kirche eingebaut, in der wir uns befinden - 1717. Drei Jahre später wird sie geweiht. Lange ist es nicht mehr klösterlich und schulisch gut weitergegangen. 1808 wir das Kloster Staatsdomäne. Die entstehende Kirchengemeinde nutzt die Kirche und seit 1956 werden hier regelmäßig Gottesdienste gefeiert.
Menschen kommen durch die Jahrhunderte hindurch an diesen Ort. Sie können kommen und finden, weil all die Gewalt, die hier auch einkehrte nicht zerstören konnte, was an diesem Platz von Anfang seinen Ort hat: Andacht, Gebet, Hören auf Gottes Wort.
Ich habe letzten Sonntag schon einmal hier hereingeschaut, wollte sehen, wollte auf mich wirken lassen, wollte verstehen und stand dann vor der Gebetstafel. Viele Zettel mit ganz persönlichen Gebeten hängen hier. Auch heute! Ich habe mir einige notiert, sie sind Ausdruck des Vertrauens, der Liebe, sie sprechen von Gefährdungen - aber fast alle beginnen mit „Danke Gott".
Ich lese einige vor:
„Danke für die Genesung von Papa",.
„Lieber Gott, ich danke Dir, dass Du alle Menschen behütest und dass meine Familie und ich gesund sind."
„.Danke lieber Gott, dass meine liebe Mutti noch so fit ist."
„Danke Gott, dass Du immer einen Ausweg weißt."
„Danke lieber Gott
- für diesen schönen Tag
- für unsere Beziehung, Stärke, Vertrauen, Ehrlichkeit
- für unseren Wohlstand
- für die kommende Zeit und unser Miteinander
- dass Du uns schützt und gut auf uns aufpasst." „Danke Gott, dass Du mir die Liebe geschenkt hast. Ich bin glücklich." Und dann gibt es auch Wünsche: „Lieber Gott gib mir Kraft und Verständnis, damit ich zulassen kann, dass mein Sohn sich von mir entfernt."
„Wenn es Dich geben sollte, Gott, denke an die Unschuldigen und Armen dieser Welt." So wird gebetet, so ist hier gebet worden. Und so können auch in Zukunft - deutlich eingeladen aber ohnehin schon lange hier - Radwanderer einkehren in diesen Raum der Stille, unsere kleine Michaelskirche, können den Weg hinter sich lassen und das Ziel erreichen, vielleicht ein Zwischenziel, aber eins, das es in sich hat, denn hier gilt auch: „Wandrer kehr zur kurzen Rast ein als Deines Gottes Gast -
Letztes Ziel - auch Deiner Zeit - ist ja doch die Ewigkeit." Hier ist Ruhe, hier treffe ich all die anderen Gäste und Wanderer, die im Laufe der Jahrhunderte Michaelstein aufsuchten, hier begegne ich Gott. Hier relativiert sich die Zeit. Sein Wort erfüllt den Raum. Dieses Wort der Liebe, der Versöhnung, des neuen freien Lebens. Und wen dieses Wort erreicht, wer sich diesem Wort öffnet, dem gehen die Augen auf. Für die Schönheit der Natur, all das Besondere am Wegrand, auch am Fahrradwegrand, für Behütung und Bewahrung, für Menschen, die dabei bleiben, obwohl sie manchmal guten Grund zum Weglaufen hätten, für Herz, Kopf und Verstand und vielleicht sogar dafür, dass eine Krankheit Sinn gehabt hat, weil sie zur Besinnung brachte, weil vom selbstmörderischen Drank nach immer Mehr, Schneller und Leistungsfähiger befreit hat.
Und dann steht er auf, geht oder schwingt sich auf sein Fahrrad, zieht seine Straße fröhlich, so wie der Kämmerer aus dem Morgenland; dem aufgegangen ist, dass alles, was seinem Leben dient, geschenkt wurde, auf den Tisch des Hauses gelegt, Du brauchst nur zu nehmen, für Dich!
Soviel bist Du mir wert, Mensch, dass ich mein Leben für Dich gegeben habe. Dafür steht das Kreuz, auch hier in unserer Kirche.
Ich fahre für mein Leben gerne Fahrrad. Am liebsten am Meer entlang, Aber von Blankenburg nach Michaelstein ist auch gut fahren. Wir haben es ja eben erprobt. Bewegung, Luft, Wind, Sonne, manchmal auch Regen - ungestört unterwegs. Anhalten und dann einstimmen in den Psalm eines Afrikaners, den ich vor Jahren einmal entdecke und der mich seither begleitet, auch hier in die Klosterkirche: Herr,
Ich werfe meine Freude wie Vögel an den
Himmel. Die Nacht ist verflattert,
und ich freue mich am Licht. So ein Tag,
Herr, so ein Tag.
Deine Sonne hat den Tau weggebrannt vom Gras und von unseren Herzen. Was da aus uns kommt, was da um uns ist an diesem Morgen, das ist Dank.
Herr, ich bin fröhlich heute am Morgen.
Die Vögel und Engel singen, und ich
jubiliere auch.
Das All und unsere Herzen sind offen für
deine Gnade.
Ich fühle meinen Körper und danke.
Die Sonne brennt meine Haut, ich danke.
Das Meer rollt gegen den Strand,
der Gischt klatscht gegen unser Haus,
ich danke. Herr, ich freue mich an der
Schöpfung.
Und daß du dahinter bist und daneben und davor und darüber und in uns.
Ich freue mich, Herr,
ich freue mich und freue mich.
Die Psalmen singen von deiner Liebe,
die Propheten verkündigen sie, und wir
erfahren sie.
Weihnachten, Ostern, Pfingsten und
Himmelfahrt ist jeder Tag in deiner Gnade.
Herr, ich werfe meine Freude wie Vögel
an den Himmel. Ein neuer Tag,
der glitzert und knistert, knallt und jubiliert
von deiner Liebe.
Jeden Tag machst du. Halleluja, Herr!
Ich höre und lese diesen Hymnus immer wieder. Er dringt in mein Leben und schenkt der Freiheit von den knechtenden Mächten, von Sorgen, Schuld, Angst und Pflicht Aus¬druck. Welch ein Morgen! Welche Menschen! Welche Fülle des Lebens!
Wir haben Grund zur Freude, es singt und jubiliert um uns, die Treue Gottes hat kein Ende, Freiheit von den Zwängen dieser Welt ist uns geschenkt und immer neu erlebbar. Und das nicht nur am Tag der Eröffnung der ersten Radwegekirche. Amen